Aufbruchstimmung
Die Immobilienwirtschaft ist eine wachsende Branche, deren Berufsbilder sich in den vergangenen Jahren stark verändert haben. Gute Einstiegsoptionen bieten sowohl eine berufliche Ausbildung als auch ein Studienabschluss.
Tobias Würl trifft strategische Entscheidungen und regelt An- und Verkäufe.
Foto: Privat
Hätte man Tobias Würl (26) während seines Abiturs gefragt, was Asset Management ist, hätte er wohl nur mit den Schultern gezuckt. Heute, als Masterabsolvent in Real Estate an der Uni Regensburg, ist er Fachmann in diesem Bereich. Er arbeitet bei einem Immobilienunternehmen, das auf Asset Management spezialisiert ist, der IVG Immobilien AG in Bonn. „Asset Management“ ist die englische Bezeichnung für die professionelle Vermögensverwaltung. Ein Asset Manager ist also ein Vermögensverwalter, der das liquide Vermögen von Kunden betreut und verwaltet. Bei der IVG Immobilien AG sind das, wie der Name schon sagt, Immobilien. Die Asset Management-Abteilung ist zuständig für die Bewirtschaftung der Immobilien, für den An- und Verkauf von Einzelobjekten, aber auch für Immobilien-Portfolios, also Immobilienfonds bestehend aus unterschiedlichen Immobilien. Kernaufgabe ist die Wertsteigerung der Immobilienportfolios, und hier kommt der sogenannte Asset Manager ins Spiel. Er ist eine Art Portfoliomanager, der die Immobilien aus Sicht der nachhaltigen Ertrags- und Wertsicherung unter die Lupe nimmt. Derzeit ist Tobias Würl Trainee in der Investmentabteilung, die den IVG-eigenen Immobilienbestand im Wert von 4,3 Milliarden Euro steuert: „Wir analysieren den Bestand, treffen strategische Entscheidungen und regeln An- und Verkäufe“, umreißt er sein Aufgabengebiet.
Wandel der Branche
Damit arbeitet der 26-Jährige in einem zukünftsträchtigen Feld. „Die Branche bietet sehr gute Karriere- und Verdienstmöglichkeiten, vor allem im Bereich Asset Management“, bestätigt Thomas Flohr, Geschäftsführer der auf Immobilienwirtschaft spezialisierten Personalberatung Bernd Heuer & Partner in Düsseldorf. Seiner Ansicht nach durchläuft die Immobilienbranche unter anderem durch das Auftauchen internationaler Investoren seit einigen Jahren einen Wandel. „In den vergangenen Jahren hat man Instrumente aus der Finanzwirtschaft, mit denen professionelle Investoren schon seit Jahrzehnten Aktien oder Industriebeteiligungen analysieren, auf Immobilieninvestments übertragen“, erklärt er. Gemeint sind beispielsweise betriebswirtschaftliche Instrumente wie Cashflowanalysen, also Analysen bezüglich der Liquidität eines Unternehmens, mit denen geprüft wird, ob sich zum Beispiel die Anschaffung einer Maschine beziehungsweise einer Immobilie lohnt und wann sie sich amortisiert hat.
Und das hat Folgen für die Einstellungschancen von Hochschulabsolventen: Gesucht werden Absolventen von betriebswirtschaftlichen Studiengängen, die sich mit Finanzen, Investitionen, Finanzierung oder Rechnungswesen auskennen.
Enorme wirtschaftliche Bedeutung
Aber die Immobilienbranche besteht aus mehr als nur Asset Management. Ein wichtiger Teilmarkt ist der Wohnungsmarkt, zu dem Bau, Finanzierung, Bewirtschaftung und Vermarktung von Wohnimmobilien gehören. Aber auch die Erschließung und Vermarktung von Grundstücken sowie der Bau, die Finanzierung, Bewirtschaftung und Vermarktung von Gewerbeimmobilien sind Pfeiler der Branche. Die unterschiedlichen Aufgaben werden von Bauunternehmen, Wohnungsbaugesellschaften, Bauträgern, Hausverwaltungen, Hypothekenbanken, Investmenthäusern und Immobilienmaklerbüros übernommen.
Das Bild der Arbeitgeber ist entsprechend breit gefächert und reicht von namhaften Baukonzernen wie Hochtief oder Strabag, über den Immobilien Service der Deutschen Bahn und Maklerhäuser wie Jones Lang LaSalle bis hin zum Shoppingcenter-Entwickler ECE. Weniger bekannt, weil meist regional tätig, sind die mehr als 3.000 Wohnungsgesellschaften und -genossenschaften.
Die Joboffensive 2010, für die die Immobilien Zeitung eine Umfrage unter 84 Unternehmen der Immobilienwirtschaft durchgeführt hat, kommt zu dem Ergebnis, dass sich jedes zweite Unternehmen bis Frühjahr 2011 auf Mitarbeitersuche begeben wird. Laut dieser Studie sind vor allem Immobilienvermittler, Facility-Manager und Investmentunternehmen auf der Suche nach personeller Verstärkung. Für Berufseinsteiger ist jede vierte Stelle reserviert.
Chancen haben auch Ingenieure mit Schwerpunkt Gebäudetechnik, und natürlich Bauingenieure und Architekten. Beliebte Ausbildungsberufe sind die Immobilienassistenten und die Immobilienkaufleute, aber auch Bank- und Investmentfondkaufleute werden gesucht. Zusätzlich werden viele Spezialisierungen und Weiterbildungen, beispielsweise zum Fachwirt Facility Management, Fachwirt Immobilien oder Immobilienmakler angeboten. Die Gewofag Holding GmbH in München sucht auch Absolventen aus den Bereichen Rechts- und Sozialwissenschaften und bei der DB Services Immobilien GmbH in Berlin kommen auch Geografen und Absolventen aus den Bereichen Städte- und Raumplanung unter.
Sven R. Johns, Bundesgeschäftsführer des Immobilienverbands Deutschland (IVD), plädiert dafür, sich zuerst fundierte Kenntnisse in seinem Fachgebiet anzueignen und das fachspezifische Wissen über die Immobilienwirtschaft als Ergänzung dazu zu erwerben. „Viele Tätigkeiten, vor allem im technischen Gebäudesektor, sind Schnittstellenfunktionen. Sie brauchen daher fundierte Kenntnisse in ihrem Fachgebiet, sei es Architektur, Maschinenbau oder Informatik und als Ergänzung dazu fachspezifisches Wissen über die Immobilienwirtschaft“, meint er. Daher mache es seiner Meinung nach Sinn, im Bachelor ein generell ausgerichtetes Studium zu wählen und sich im Master oder über Praktika auf Immobilien zu spezialisieren.
Option Selbstständigkeit
Die Branche wächst also, reagiert aber in einzelnen Bereichen durchaus auf Konjunkturschwankungen: „Die Zahl der Beschäftigten im Bereich ‚Vermittlung und Verwaltung von Grundstücken, Gebäuden und Wohnungen für Dritte’ ging in den vergangenen beiden Jahren krisenbedingt zurück“, weiß Arbeitsmarktexpertin Judith Wüllerich von der Bundesagentur für Arbeit. 2010 waren knapp 120.000 Personen in diesem Feld sozialversicherungspflichtig beschäftig, zwei Prozent weniger als im Vorjahr und 14 Prozent weniger als 2008. Die Nachfrage speziell nach Immobilienkaufleuten ist in den vergangenen Jahren jedoch, trotz Wirtschaftskrise, angestiegen. 2010 wurden bei der Bundesagentur gut 2.000 Stellen im Laufe des Jahres gemeldet, sechs Prozent mehr als im Krisenjahr 2009. Neben der abhängigen Beschäftigung spielt auch die Selbstständigkeit eine wichtige Rolle. „Rund die Hälfte der Erwerbstätigen sind selbstständig tätig. Wer sich daher für den Beruf des Immobilienkaufmanns oder der Immobilienkauffrau interessiert, sollte unbedingt auch an diese Option denken“, empfiehlt Judith Wüllerich.




