Eine Branche, die bewegt
Die richtige Ware in der richtigen Menge an den richtigen Ort bringen, und zwar im richtigen Zustand, zur richtigen Zeit, für den richtigen Kunden, zu den richtigen Kosten — das ist die Kunst der Logistik. Damit dieses Kunststück auch gelingt, braucht die Branche viele Mitarbeiter, die den Überblick behalten.
Logistikexperten haben genau im Blick, welcher Container mit welcher Ladung wann wohin geliefert werden muss.
Foto: WillmyCC
Ihr Vater ist mit einem Containerschiff zur See gefahren – Silke Kröger kam deshalb schon früh mit Logistik in Kontakt. Und fand es spannend. Also studierte sie nach dem Abitur BWL mit Schwerpunkt Logistik an der Universität Hamburg, arbeitete nach ihrem Abschluss eine Weile bei einem internationalen Logistikunternehmen in Großbritannien und bewarb sich anschließend auf ein zweijähriges Traineeprogramm bei dem Logistikdienstleister BLG Logistics in Bremen. „Anfangs war ich für die Stückgutabwicklung im Hafen zuständig und habe eine Software eingeführt, die die Lagerprozesse optimiert“, erklärt die 31-Jährige. Nach einem dreimonatigen Projektaufenthalt in Malaysia übernahm sie die Projektleitung für den Umzug eines Lagers von Bremen an den Niederrhein. Mittlerweile ist die Diplom-Betriebswirtin Abteilungsleiterin für das Prozessmanagement: „Ich habe die Logistikprozesse unserer Kunden an allen Lagerstandorten im Blick, ich dokumentiere die Prozesse und überprüfe, wo sie noch verbessert werden können.“ Viel Organisationstalent ist dafür notwendig, ebenso wie die Fähigkeit zu strukturiertem Arbeiten.
Ein Sechstel Akademiker
Akademiker wie Silke Kröger sind in der Logistik weniger vertreten als in anderen Branchen. „Von den rund 2,7 Millionen Menschen, die derzeit in der Logistik in Deutschland arbeiten, haben rund 450.000 Beschäftigte einen akademischen Abschluss, das ist rund ein Sechstel“, erklärt Prof. Dr.-Ing. Thomas Wimmer, Vorsitzender der Geschäftsführung der Bundesvereinigung Logistik. In der gesamten deutschen Wirtschaft liege der Akademikeranteil bei rund einem Drittel.
Hochschulabsolventen arbeiten – oft nach einiger Zeit mit Führungsverantwortung im Lager oder in anderen operativen Bereichen – häufig an administrativen Stellen, also beispielsweise an der Planung unternehmensübergreifender Prozesse und Güterflüsse. Darüber hinaus bietet die Branche zahlreiche Berufsbilder für Nicht-Akademiker: von gewerblich-technischen Tätigkeiten wie Lagerung, Kommissionierung und Zustellung bis zu kaufmännischen Aufgaben. Das Unternehmen GLS Germany zum Beispiel, das Paketdienstleistungen und Express-Services anbietet, bildet vor allem Kaufleute für Kurier-, Express- und Postdienstleistungen sowie Bürokaufleute aus. Hinzu kommen für den EDV-Bereich die Ausbildungen zum IT-System-Kaufmann sowie zum Fachinformatiker für Systemintegration. Viele Abiturienten wählen als Berufseinstieg bei GLS auch das duale Studium mit Bachelor-Abschlüssen in den Fachrichtungen Logistik, Wirtschaftsinformatik oder Wirtschaftsingenieurwesen.
„Durch steigende Kundenanforderungen und die weiter zunehmende Internationalisierung nimmt der Bedarf an qualifizierten Mitarbeitern zu. Hinzu kommt, dass die Logistik eine Wachstumsbranche ist“, meint Axel Mensch, Personalverantwortlicher bei GLS. Von den Bewerbern erwartet er hohes Organisations- und Planungstalent, Flexibilität und Engagement. „Es ist kaum möglich vorherzusehen, wie viele Sendungen zu welchem Zeitpunkt von wo nach wo verschickt werden, daher muss man flexibel reagieren können.“ Hinzu kommen eine hohe Kundenorientierung, Qualitäts- und Kostenbewusstsein sowie Weltoffenheit. „Logistik ist ein internationales Geschäft, Englisch ist daher Pflicht, andere Sprachen sind gern gesehen“, weiß Axel Mensch.
Konjunkturanfällige Branche
Auch Judith Wüllerich, Arbeitsmarktexpertin bei der Bundesagentur für Arbeit, erwartet, dass die steigende Internationalisierung der Branche dazu führen wird, dass der Bedarf an qualifizierten Mitarbeitenden für diesen Sektor weiter wächst und es teilweise sogar zu einem Fachkräftemangel kommen könnte. „Akademiker dürften in diesem Feld also durchaus gute Jobchancen haben“, glaubt Judith Wüllerich. Allerdings sei der Arbeitsmarkt in der Logistik konjunkturanfällig: „Wird wenig produziert, muss auch weniger transportiert und gelagert werden. Umgekehrt bedeutet dies aber auch, dass sich der Arbeitsmarkt im Zuge des aktuellen wirtschaftlichen Aufschwungs positiv entwickelt.“
Eine gute geschäftliche Entwicklung bestätigt auch das Statistische Bundesamt Anfang 2011: Demnach ist das Transportaufkommen 2010 insgesamt auf 4,1 Milliarden Tonnen und damit um 3,1 Prozent gegenüber 2009 gestiegen. Allerdings seien die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise noch nicht komplett überwunden, so die Statistiker. Zum Wachstum haben alle Verkehrszweige beigetragen: Straßen- und Eisenbahnverkehr, Binnen- und Seeschifffahrt, Rohrleitungen und Luftfahrt. Wer also Lust hat, im wahrsten Sinne des Wortes etwas zu bewegen, ist in der Logistik richtig aufgehoben.





