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Seltene duale Ausbildungsberufe

Selten - aber chancenreich

Schifffahrtskaufmann, Bootsbauer, Produktionstechnologe? Es gibt Berufe, in denen jedes Jahr relativ wenige Ausbildungsverträge abgeschlossen werden und die darum selten sind. Viele davon sind für Abiturienten sehr interessant. Warum? Die Aufgaben sind oft anspruchsvoll, die Übernahmechancen in der Regel gut.

Das Foto zeigt Dennis Oswald vor einem großen Kreuzfahrtschiff an einem Kanal stehend. Er hat kurz geschorene Haare und trägt über seinem Kapuzenpulli eine dicke, neongelb leuchtende Weste. Unter den Arm hat er einen Schutzhelm geklemmt.

Dennis Oswald hat sich für einen seltenen dualen Ausbildungsberuf entschieden: Fachkraft für Hafenlogistik.

Foto: Privat

Dennis Oswald geht jeden Tag gerne zur Arbeit. Der 24-Jährige hat seinen Traumjob als Fachkraft für Hafenlogistik gefunden – wenn auch per Zufall. Aus privaten Gründen zog er vor fünf Jahren nach Rostock und schaute sich dort nach einem Ausbildungsplatz um. „Ich fand es sehr verlockend, im Hafen zu arbeiten. Ich habe dann im Internet eine Ausschreibung für eine Ausbildung zur Fachkraft für Hafenlogistik gefunden, mich beworben und eine Zusage erhalten“, erzählt er. In seiner Ausbildung lernte er, auf Umschlagsterminals sowie in Lagern für Stück- und Massengut im Seehafen Rostock ein- und ausgehende Ware zu kontrollieren, sachgemäß einzulagern sowie Ladungen und logistische Prozesse zu planen und zu überwachen. Dennis Oswald hat einen der wenigen Ausbildungsplätze in diesem Beruf ergattert: 87 neu abgeschlossene Ausbildungsverträge gab es laut dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) im Jahr 2009. Gründe für die Seltenheit dieses Ausbildungsberufs: Er wurde 2006 erstmals angeboten und ist regional relativ begrenzt. Das heißt: Die Ausbildungsstandorte liegen in norddeutschen Bundesländern – eben da, wo es große See- und Binnenhäfen gibt.

Diese regionale Begrenztheit gilt auch für einige andere seltene duale Ausbildungsberufe, wie beispielsweise Schifffahrtskaufleute, Holzspielzeugmacher, wo ein Großteil der Betriebe im Erzgebirge ansässig ist, oder Mikrotechnologen, die hauptsächlich bei Chipherstellern arbeiten, von denen viele in Sachsen und Thüringen sitzen. Klar zu definieren ist aber nicht, was ein „seltener Beruf“ ist – das meint auch Jorg-Günther Grunwald, Leiter des Arbeitsbereichs „Gewerblich-technische und naturwissenschaftliche Berufe“ in der Abteilung „Ordnung der Berufsbildung“ beim BIBB. Sein Vorschlag: Angesichts der im Jahr 2009 rund 13.300 neu abgeschlossenen Azubi-Verträge für Bankkaufleute können Ausbildungsberufe mit unter 200 Neuabschlüssen getrost als selten bezeichnet werden.

Viele Berufe im naturwissenschaftlich-technischen Bereich

Seltene duale Ausbildungsberufe sind in ganz unterschiedlichen Bereichen zu finden. Im künstlerisch-handwerklichen Bereich kann man beispielsweise Bühnenmaler und -plastiker, Maskenbildner, Goldschmiede, Keramiker oder Steinmetze und Steinbildhauer dazu zählen. Auch in Dienstleistungsberufen wie Sportfachmann/-frau, Patentanwaltsfachangestellte/r oder Bestattungsfachkraft werden jährlich relativ wenige Ausbildungsverträge unterschrieben. Den größten Bereich unter den seltenen Ausbildungen nehmen allerdings naturwissenschaftlich-technische Berufe ein, darunter Biologielaborant/in, Bootsbauer/in, Fachkraft für Wasserwirtschaft, Mathematisch-technische/r Software-Entwickler/in, Pharmakant/in, Physiklaborant/in, Produktionstechnologe/-technologin oder Textillaborant/in.

Bei den Bootsbauern wurden im Jahr 2009 zum Beispiel 141 Ausbildungsverträge neu abgeschlossen (36 Prozent mit Abiturienten), bei den Mathematisch-Technischen Software-Entwicklern 153. Bei letzteren ist die Zahl der Azubis mit Abitur besonders hoch: Über 90 Prozent der Ausbildungsanfänger hat die Hochschulreife. „Auf Informationstechnologien fokussierte Berufe, aber auch Laborberufe sind bei Abiturienten offenbar sehr beliebt“, weiß Jorg-Günther Grunwald.

So lag der Anteil der Abiturienten bei den neu hinzugekommenen Pharmakanten-Azubis im Jahr 2009 bei 39 Prozent, bei den Physiklaboranten bei 49 Prozent. Beliebt bei Abiturienten sind auch Dienstleistungsberufe wie der Servicekaufmann im Luftverkehr mit einem Anteil von 83 Prozent bei 105 neu abgeschlossenen Verträgen 2009 oder der Sportfachmann mit über 40 Prozent bei 138 neu abgeschlossenen Verträgen. „Abiturienten, die naturwissenschaftlich-technisch interessiert sind, sollten auch die Möglichkeit eines dualen Studiums erwägen. Ein Beispiel ist die Ausbildung zum Mathematisch-Technischen Software-Entwickler, kombiniert mit einem Studium“, erläutert Jorg-Günther Grunwald (siehe „Expertin für Mathe und Informatik“). Oder ein Prozesstechnik-Studium in Verbindung mit einer Ausbildung zum Pharmakanten. Weitere duale ausbildungsintegrierende Studiengänge können im Portal http://www.ausbildung-plus.de des BIBB recherchiert werden.

Gute Übernahmechancen

Dass wenige Ausbildungsverträge angeboten werden, liegt aber nicht immer an regionalen Begebenheiten wie der Lage an Meer oder Fluss. Oft ist es so, dass es bundesweit nicht viele Betriebe gibt, die in den entsprechenden Berufen ausbilden, und dass diese Unternehmen dies auch nur für den eigenen Bedarf tun. Der Vorteil: Ausbildungsabsolventen haben gute Chancen, übernommen zu werden. Aber wie

Dietmar Niedziella hat hellbraune Haare, trägt ein braunes Sakko, ein weißes Hemd mit Krawatte und eine Brille.

Dietmar Niedziella

Foto: DIHK

gelangt man an einen dieser Ausbildungsplätze? „Das hängt stark von der Branche und der Bekanntheit der Ausbildungsberufe ab“, erklärt Dietmar Niedziella, Ausbildungsexperte des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) in Berlin. „Die seltenen Ausbildungsberufe bieten jungen Leuten häufig gute Chancen. Gerade in kleineren Branchen wie im Umweltbereich oder in der Papierindustrie, wo relativ unbekannte Ausbildungen wie Fachkraft für Wasserwirtschaft oder Papiertechnologe angeboten werden, gibt es weniger Konkurrenz als bei stark nachgefragten Berufen wie Kfz-Mechatroniker oder Mediengestalter. Hier suchen die Unternehmen nach guten Nachwuchskräften, die die anspruchsvollen Aufgaben übernehmen können“, erklärt Dietmar Niedziella. „Starke Nachfrage herrscht hingegen nach Berufen in den Branchen Metall, Elektro, Automobil und Chemie. Das heißt, bei einem Beruf wie dem Biologielaboranten kann es schon vorkommen, dass die Nachfrage das Angebot übersteigt.“

Es ist auffällig, dass viele der seltenen dualen Ausbildungsberufe anspruchsvoll sind und die Aufgaben spezialisiert. „Der Bootsbauer beispielsweise erledigt anspruchsvolle Aufgaben aus verschiedenen Bereichen“, erklärt Dietmar Niedziella. So gehört einerseits die technische Konstruktion von Bauteilen, wie Rumpfteilen oder Decks, zu diesem Beruf, „er macht aber auch den Innenausbau aus Holz und anderen Materialien.“

Berufsberater helfen bei der Suche

Wer sich für einen seltenen dualen Ausbildungsberuf interessiert, sollte sich – so Berit Grautmann, Berufsberaterin der Arbeitsagentur Frankfurt – noch intensiver über den Beruf und die Ausbildungsbedingungen informieren: „Ideal ist vorher ein Praktikum“, sagt die Berufsberaterin. Da es bei seltenen Ausbildungsberufen auch nicht so einfach ist, einen Ausbildungsplatz zu finden, sollte man sich ebenfalls schon mehr als ein Jahr vor Ausbildungsbeginn auf die Suche begeben.“ Und es ist ratsam, so früh wie möglich nach Alternativen zu suchen. Außerdem sollte man einen Umzug an den Ausbildungsort einkalkulieren. „Häufig sind auch die Wege zur Berufsschule sehr weit, weil es nur wenige Berufsschulen gibt, die den schulischen Part der  Ausbildung übernehmen“, gibt Berit Grautmann zu bedenken. Bei der Suche nach Informationen über einen seltenen Beruf helfen insbesondere die Berufsberater der Arbeitsagenturen sowie BERUFENET, die Online-Datenbank für Ausbildungs- und Tätigkeitsbeschreibungen der Bundesagentur für Arbeit. Die JOBBÖRSE der Bundesagentur für Arbeit gibt einen Überblick über die Ausbildungsplatzsituation und den späteren Arbeitsmarkt beziehungsweise die Stellenangebote. Auch die Handwerks- beziehungsweise die Industrie- und Handelskammern bieten Informationen über die beruflichen Perspektiven und über spätere Weiterbildungsmöglichkeiten, wie Meister oder Techniker.

Gute Aussichten in Labor und Logistik

Wie sicher eine Weiterbeschäftigung und die Arbeitsmarktchancen sind, ist von seltenem Beruf zu seltenem Beruf unterschiedlich: „Verallgemeinert kann man aber für alle Spezialistenberufe sagen: Eine Ausbildung in einem kleinen Berufsfeld kann bei einschlägigen Stellenangeboten große Vorteile gegenüber nicht spezialisierten Konkurrenten haben“, sagt Ralf Beckmann vom Team für Arbeitsmarktberichterstattung der Bundesagentur für Arbeit. In handwerklichen Berufen wie Goldschmied oder Steinmetz und Steinbildhauer geht die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten laut Ralf Beckmann seit dem Jahr 2000 zwar insgesamt zurück, die Arbeitslosigkeit ist allerdings gering. „Wer einen solchen handwerklichen Beruf erlernt, sollte auch eine selbstständige Tätigkeit ins Auge fassen. Zum Beispiel sind fast die Hälfte aller Gold- und Silberschmiede ihr eigener Chef“, sagt der Arbeitsmarktexperte. In Laborberufen wie Biologielaborant kann die Arbeitsmarktsituation als gut eingeschätzt werden: Die Zahl der Arbeitsplätze hat in den vergangenen zehn Jahren um 14 Prozent zugelegt und steigt weiter. Im Transport- und Logistiksektor zeichnet sich ebenfalls ein positives Bild ab: „Zunehmender Welthandel und die starke Exportleistung Deutschlands haben in den letzten zehn Jahren die Beschäftigung in Logistikberufen um 13 Prozent ansteigen lassen. Alles in allem bieten sich gute Beschäftigungschancen“, sagt Ralf Beckmann.

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