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Epigenetiker

"Verstehen, warum und wie Krebs entsteht"

Krankheiten verstehen und heilen: Epigenetiker setzen am Erbgut an. Sie analysieren Zusammenhänge zwischen der Entstehung von Krankheiten und der falschen Programmierung von Genen. Die Erkenntnis: Gene können aktiviert oder inaktiviert werden und somit besonders in der Krebsforschung die Entwicklung von Krankheiten beeinflussen, weiß Epigenetiker Dr. Dirk Prawitt. Seit 2006 leitet er das molekulargenetische Labor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsmedizin in Mainz mit dem Forschungsschwerpunkt Epigenetik. Ein Blick in die Forschung.

Mikroskopische Aufnahme.

Epigenetiker erforschen die Entstehung von Krankheiten.

Foto: WillmyCC

 Ein ergrauter älterer Philosoph trifft auf eine hübsche Blondine, die alle Klischees erfüllt. Die Blondine: „Ihr Intellekt und mein gutes Aussehen – unser Kind wäre perfekt!“ Daraufhin der Philosoph: „Wenn es aber nun Ihren Intellekt und mein Aussehen erben würde?“ In einfachen Bildern erklärte Dirk Prawitt vergangenes Jahr auf einem Science Slam in Frankfurt einem bunt gemischten Publikum, welche Themen einen Epigenetiker interessieren. Die Herausforderung: In rund zehn Minuten die zentralen Forschungsfragen lustig und originell darstellen. Noch viel wichtiger als die Vererbung von Genen ist für Dirk Prawitt als Epigenetiker aber die Frage, wie Gene und Fehler in der Genaktivierung oder -inaktivierung krank machen können.
Porträt Dirk Prawitt, kurze dunkle Haare

Dirk Prawitt

Foto: privat

„Bevor man therapeutisch ansetzen kann, muss man erst verstehen, wie Krankheiten entstehen“, begründet Dirk Prawitt seine Forschungsarbeit. Die Epigenetik als Gebiet der Molekularbiologie liefert wichtige Antworten. Sie erforscht, vereinfacht ausgedrückt, wie Einflüsse von außen auf unsere Gene wirken und wie Erbinformationen ein- und ausgeschaltet werden. Studien beweisen, dass Ernährung, Lebensstil, aber auch psychische Faktoren wie gesammelte Erfahrungen unser Genmaterial beeinflussen. Hier kommen biochemische Schalterstrukturen auf Genen ins Spiel, die die Aktivität oder Inaktivität der Gene steuern. Die Epigenetik forscht am Zusammenhang: Sie will herausfinden, wie die Schalterstrukturen durch äußere Einflüsse programmiert werden können, um die Entstehung von Krankheiten zu verhindern beziehungsweise Genschaltungsfehler zu reparieren.

Dirk Prawitt beschäftigt sich an der Mainzer Universitätsmedizin mit der Tumorentstehung bei Kindern und Jugendlichen. „Krebs ist weit verbreitet und daher herrscht hier großes Forschungsinteresse“, weiß er. Der Epigenetiker und sein Team untersuchen unter anderem das erhöhte Tumorrisiko bei Kindern mit Riesenwuchssyndrom. Bei betroffenen Kindern werden vermehrt Wachstumshormone ausgeschüttet. „Ich versuche Neues im Bereich der Therapieansätze, Ursachen und Prognosen herausfinden. Das gibt mir das Gefühl, Wichtiges zu tun“, erzählt Dirk Prawitt und fügt hinzu: „Arbeit am Wochenende ist keine Seltenheit und einen Achtstundentag gibt es kaum. Die Motivation dafür schöpfe ich aus der Fragestellung, wie bestimmte Tumore eines Kindes erkannt und zukünftig behandelt werden können.“

Viel Schreibtisch, wenig Labor

Sein Studium der Molekularbiologie absolvierte er am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge und der Universität Mainz. Die medizinische Habilitation, die ihn für die molekularmedizinische Lehre zulässt, folgte in Mainz. Dort arbeitet er seit 2000 im molekulargenetischen Labor. Auf die Epigenetik spezialisierte er sich, weil sie neue Antworten auf die Entstehung von Tumorrisiken verspricht. Bereits Dirk Prawitts Abschlussarbeit am Ende des Studiums thematisierte die Tumorentstehung.

Die epigenetische Krebsforschung liefert Erfolge, zum Beispiel die Verbesserung von Chemotherapien. Hier kommt das Wissen zum Einsatz, dass sogenannte Methylgruppen Gene in Krebszellen inaktivieren oder aktivieren und somit deren Wachstum hemmen oder steigern können.

Unter der Leitung Dirk Prawitts arbeiten in Mainz Wissenschaftler, technische Angestellte und Studenten im Labor mit Humanprobenmaterial. Dazu zählt beispielsweise Tumorgewebe. Mit Hilfe molekularbiologischer Techniken versuchen sie zu verstehen, welche Erbinformationen bei Erkrankungen fehlreguliert sind. Also wie die Wirkung krankmachender Gene durch zugeführte Substanzen verändert werden kann.

Als Laborleiter verbringt er allerdings viel Zeit am Schreibtisch. „Verwaltende Aufgaben haben für mich einen hohen Stellenwert. Im Labor arbeite ich leider nur noch selten“, sagt Dirk Prawitt. Er lenkt seine Mitarbeiter, konzipiert Projekte und schreibt Publikationen und Forschungsanträge. „Die Projektkonzeption nimmt am meisten Raum ein. Man muss dafür immer auf dem aktuellsten wissenschaftlichen und medizinischen Stand sein und kreativ eigene Fragestellungen überlegen“, berichtet er.

Außerdem betreut er wissenschaftliche Arbeiten von angehenden Biologen und Medizinern, spricht Ergebnisse durch und gibt Interpretationshilfen. Vorträge und Weiterbildungen gehören ebenso zum Aufgabenbereich. Seine „Zentrale“ ist allerdings das Labor: „Kontakt zu Patienten habe ich nur, wenn eine seltene Erkrankung vorliegt, die in meinen Forschungsschwerpunkt fällt. Dann berate ich im Bereich der Therapieoptionen und –risiken.“ Dirk Prawitt sieht in der Epigenetik große Chancen für die Medizin: „Durch epigenetische Forschung können Therapien verbessert und diagnostische Fortschritte gemacht werden.“ Sein Ziel: Verstehen, warum und wie Krebs entsteht.

 

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