Raus in die Welt
Wer als Diplomat für Deutschland arbeitet, dem steht die Welt offen. Das hat sehr viele Vorteile, verlangt den Bewerbern allerdings auch einiges ab. Und dieses Spannungsfeld zwischen hohen Anforderungen und spannenden Aufgaben gilt für sämtliche Karrierewege im sogenannten Auswärtigen Dienst.
Diplomaten arbeiten in einem Spannungsfeld zwischen hohen Anforderungen und spannenden Aufgaben.
Foto: WillmyCC
Behörde geht gar nicht, das ist grau, hat mit Akten zu tun, mit miefigen Zimmern und deutscher Beamtengründlichkeit. Nur wenige staatliche Einrichtungen kommen gegen dieses Klischee an, und nur bei einer einzigen kehrt es sich in sein genaues Gegenteil um: Das Auswärtige Amt steht seit jeher für Weltgewandtheit, prestigeträchtige Posten, den Zugang zu den einflussreichsten gesellschaftlichen Kreisen auf allen Kontinenten.
Allerdings hat eine Karriere im bundesdeutschen Außendienst auch ihren Preis – den Chancen stehen hohe Anforderungen gegenüber: Das Bewerbungsverfahren mit zahlreichen Tests ist aufwändig, und wer es geschafft hat, lebt ein unstetes, von vielen Ortswechseln geprägtes Leben, wie Sabine Stöhr weiß. Sie ist selbst Diplomatin und derzeit Ausbildungsleiterin für den höheren Dienst an der Akademie Auswärtiger Dienst des Berliner Auswärtigen Amts. Die 42-Jährige sorgt dafür, dass Hochschulabsolventen zu Diplomaten werden.
Drei Laufbahnen, viele Karrieren
Das Berliner Auswärtige Amt, allgemein auch „Außenministerium“ genannt, bildet zusammen mit den Auslandsvertretungen den deutschen Auswärtigen Dienst. Über 230 deutsche Auslandsvertretungen gibt es. Zu ihnen zählen nicht nur die Botschaften von Ouagadougou bis Washington, sondern auch deutsche Generalkonsulate, Informationszentren und ständige Vertretungen bei internationalen Organisationen, etwa den Vereinten Nationen. Daneben gibt es das Auswärtige Amt in Berlin und Bonn mit seinen zehn Abteilungen. Die oberste Leitung übernimmt die Politik – mit dem Außenminister im Mittelpunkt, unterstützt von seinem Leitungsstab, zu dem das Pressereferat, das Parlamentsreferat und auch der Planungsstab gehören. Das Krisenreaktionszentrum stellt die schnelle Reaktion im Katastrophenfall sicher.
„Wir bilden in drei verschiedenen Laufbahnen aus: im mittleren Dienst, im gehobenen und im höheren Dienst“, erklärt Sabine Stöhr. Beamte aller drei Laufbahnen sind sowohl in Berlin als auch in den Auslandsvertretungen im Einsatz – sei es als Sachbearbeiter und Verwaltungsangestellte im mittleren und gehobenen Dienst, oder in der Funktion von Referenten, Diplomaten und ähnlichem nach einer Karriere im höheren Dienst (siehe auch Hintergrundartikel „Karriere im Auswärtigen Dienst: Laufbahnen“). „Die Aufgaben unserer Auslandsvertretungen sind sehr vielschichtig. Wir beobachten politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen in unseren Einsatzländern und sorgen so dafür, dass Deutschland außen- und europapolitisch entscheidungs- und handlungsfähig ist. Wir sitzen aber auch bei verschiedenen Organisationen mit am Verhandlungstisch und versuchen, den Interessen der deutschen Politik auf dem internationalen Parkett Gehör und Geltung zu verschaffen“, beschreibt Sabine Stöhr die grundlegenden Aufgaben des Auswärtigen Dienstes. Dazu gehört auch die Unterstützung und Beratung deutscher Wirtschaftsaktivitäten, die Förderung kulturellen Austauschs, die Hilfe bei Problemen deutscher Staatsbürger im Ausland, die Vergabe von Visa, allgemein auch die Vermittlung eines positiven Deutschlandbildes.
Rotationsprinzip für Generalisten
Das gilt besonders für Diplomaten und andere Absolventen des höheren Dienstes – für Abiturienten die wohl reizvollste Option. „Jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin des höheren Dienstes kann überall auf der Welt mit jeder Aufgabe der Laufbahn betraut werden“, erklärt Sabine Stöhr. Die dahinter steckenden Prinzipien nennt sie „Generalisten- und Rotationsprinzip.“ Die Expertin für Slawistik und osteuropäische Geschichte kennt die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit – durch ihren Einsatz an der Botschaft in Kiew – genauso wie die Arbeit am Verhandlungstisch der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in Wien. Dort tat sie Dienst, als 2008 der Krieg zwischen Georgien und Russland begann und Wien der einzige Ort war, an dem sich die Kriegsparteien überhaupt noch zu Verhandlungen trafen.
„Wer sich für eine Karriere im höheren Dienst bei uns interessiert,“ betont Sabine Stöhr, „sollte eine große Portion Neugier auf immer neue Kulturen, neue Länder, neue Menschen mitbringen – und das nicht nur bis 35, sondern bis ans Ende des Berufslebens.“ Die Diplomatin sagt das nicht, weil es nett klingt. Es ist eine handfeste Anforderung: Alle drei bis vier Jahre wechselt ein Diplomat das Land, in dem er arbeitet. Mit ihm den Kollegenkreis, den Freundeskreis, das Aufgabengebiet. „Wer das nicht von Anfang an als reizvolle Chance begreift, sondern darin eine Belastung sieht, dem muss man von unserem Beruf abraten.“






