"Es ist alles machbar!"
Für die gebürtige Dresdnerin Carola Winkelmann (36) war immer klar: Sie wollte Karriere als Wissenschaftlerin machen und Kinder großziehen. Heute hat sie zwei Söhne und forscht als promovierte Biologin in der Gewässerökologie.
Das wichtigste ist eine Betreuungssituation, mit der man leben kann.
Foto: Willmy CC
Ihre Wunschkinder hat Carola Winkelmann ganz bewusst bereits während des Biologiestudiums an der TU Dresden und kurz danach bekommen. So wären sie, wenn ihre Karriere so richtig in Gang käme, aus dem Gröbsten heraus – das war der Plan. Doch der geriet durcheinander, als ihr Lebenspartner an einem Hirntumor erkrankte und starb. Carola Winkelmann war plötzlich alleinerziehend, ihre Söhne damals fünf und acht Jahre alt. Beide waren ab ihrem ersten Geburtstag in der Kita betreut worden, während die Mama zunächst promoviert und dann Vollzeit als wissenschaftliche Assistentin an der TU Dresden gearbeitet hatte. Inzwischen gingen sie zur Schule und waren an das Leben mit einer berufstätigen Mutter gewöhnt. Aber eine vollzeiterwerbstätige und alleinerziehende Mutter – ob das gut gehen würde?
In der Ganztagsschule
„Beruflich kürzer zu treten, war leider keine Option“, erinnert sich Carola Winkelmann, „denn als Wissenschaftlerin muss ich immer am Ball bleiben, sonst bin ich sofort weg vom Fenster.“ Außerdem war die 36-Jährige auf ihr Einkommen angewiesen. Da sie mit dem Vater ihrer Kinder nicht verheiratet gewesen war, bekam sie auch keine Witwenrente. Mit den 150 Euro Halbwaisenrente pro Kind und Monat wäre sie nicht weit gekommen. Um weiter Vollzeit arbeiten zu können, meldete Carola Winkelmann die Jungs in einer Ganztagsschule an, wo sie verlässlich von 7 bis 18 Uhr betreut wurden, auch in den Schulferien.
„Hätte ich vorher gewusst, dass ich meine Familie einmal allein würde ernähren müssen, hätte ich mich nicht auf eine Karriere in der Wissenschaft eingelassen, die typischerweise aus befristeten Projektstellen besteht“, sagt Carola Winkelmann. „Diese unsichere finanzielle Situation machte mir damals große Sorgen.“ Was die praktische Organisation der Arbeit anging, war ihre einzige Chance, mit offenen Karten zu spielen. Die Biologin erklärte ihrem Chef die Situation und bat um Verständnis, wenn es einmal holpern sollte. „Er wusste, dass es mir bisher gut gelungen war, Beruf und Familie zu vereinbaren, und vertraute darauf, dass ich es weiterhin schaffen würde.“ Carola Winkelmann kam von nun an zur Arbeit, so wie sie es einrichten konnte, oft auch am Wochenende, wenn sich eines der Großelternpaare um die Kinder kümmerte. Ihrem Chef war nur wichtig, dass sie die anstehenden Aufgaben bis zum vereinbarten Termin erledigt bekam.
Job behalten!
„Im Nachhinein betrachtet habe ich das alles ganz gut hinbekommen“, resümiert die 36-Jährige, „aber in den drei Jahren als Alleinerziehende hatte ich ständig das Gefühl, dass wir gerade so über die Runden kamen. Ich jonglierte mit meiner Zeit und quälte mich mit dem schlechten Gewissen, weil sowohl meine Kinder als auch meine Karriere mich mehr gebraucht hätten.“ Ihr wichtigster Rat an alle Alleinerziehenden lautet: „Schmeißt auf gar keine Fall euren Job hin. Es ist alles machbar! Das Wichtigste ist eine Betreuungssituation, mit der man leben kann. Jeden Nachmittag aufs Neue zu planen, wer heute auf das Kind aufpasst, das funktioniert nicht“, weiß Carola Winkelmann. „Das soziale Netzwerk oder ein Familienzimmer im Büro sollten nur im Notfall zum Einsatz kommen.“
Nach drei Jahren als Alleinerziehende verliebte sich Carola Winkelmann in einen Kollegen aus der Biologie. Aus beruflichen Gründen zog sie mit ihm und den Kindern nach Koblenz. Sie ist weiter an der TU Dresden angestellt, aber an die Bundesanstalt für Gewässerkunde in Koblenz abgeordnet.
Hier gestaltet sich die Vereinbarung von Beruf und Familie schwieriger – zumal die Großeltern in Dresden geblieben sind. „Hier gibt es an den weiterführenden Schulen kein Mittagessen mehr, dabei muss mein Großer doch auch nach der vierten Klasse noch essen“, kritisiert die Wissenschaftlerin. Ihr jüngerer Sohn muss von einer der wenigen Ganztagsgrundschulen, die jedoch bereits um 16 Uhr schließt, eine Stunde mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause fahren. Wenn die Mama eine Vorlesung bis 18 Uhr hat, ist er dort länger allein, als ihr lieb ist.
Doch glücklicherweise hat Carola Winkelmann ja nun wieder einen Partner. Für den Unterhalt ihrer Kinder zu sorgen, dazu ist er nicht verpflichtet, doch im Alltag unterstützt er sie, wo er kann. Wenn die Biologin demnächst wieder zu einem einwöchigen Lehrgang nach München fahren muss, weiß sie: Ihre Kinder sind in guten Händen.




