Zahlenjongleure und Organisationstalente
"Etwas mit Wirtschaft machen" möchten viele Abiturienten: Einige sehen sich als Topmanager in großen Konzernen, andere wollen Wirtschaft mit einem weiteren Interessengebiet verbinden. Klar ist: Wer sich frühzeitig informiert, kann entscheidende Weichen stellen.
Wirtschaft bietet vielfältige Möglichkeiten hoch hinaus zu kommen.
Foto: Möller
Buchhaltung, Marketing, Personalwesen – wirtschaftliche Prozesse spielen in jeder Branche und allen Unternehmen eine mehr oder weniger große Rolle. Entsprechend vielfältig sind die beruflichen Möglichkeiten, sowohl bei den Studien- als auch bei den Ausbildungsberufen.
Wirtschaftsnahe Studiengänge sind gefragt: Nach Angaben des Statistischen Bundesamts führte Betriebswirtschaftslehre (BWL) im Wintersemester 2008/2009 die Rangliste der Studienfächer an, sowohl was die Studierendenzahl als auch die Neueinschreibungen anbelangt: Insgesamt hatten sich 165.909 junge Frauen und Männer für das Fach eingeschrieben. In die Top 10 schafften es auch verwandte Fächer wie Wirtschaftsingenieurwesen und -informatik. Daneben nehmen Schnittstellenstudiengänge wie Gesundheits- oder Agrarwirtschaft zu, die wirtschaftliches Know-how auf ein bestimmtes Arbeitsfeld beziehen.
„Eine Flut von Möglichkeiten“
Im Internetportal Studien- und Berufswahl sind über 1.700 verschiedene Bachelor-Studiengänge im Bereich Wirtschaft zu finden. „Informationsquellen wie diese sollte
man nutzen“, sagt Ute Wohlstein vom Team Akademische Berufe der Arbeitsagentur Hannover. „Sehr hilfreich sind auch die Angebote der Hochschulen wie Informationstage, ein Schnupperstudium oder Mathe-Vorkurse. Im Rahmen unserer Berufsberatung bieten wir außerdem entsprechende Eignungstests an.“
Wenn jemand beispielsweise mit der vagen Vorstellung „Ich möchte BWL studieren“ zu ihr kommt, schafft sie zunächst einen Überblick. „Die institutionellen BWL-Studiengänge bereiten auf ganze Branchen vor, etwa Immobilien, Bankwesen oder die Automobilwirtschaft. Im Fokus der funktionalen Betriebswirtschaft stehen dagegen konkrete Abteilungen eines Unternehmens wie Personal, Controlling und Marketing.“ In der regionalen Betriebswirtschaft wiederum werden wirtschaftliche Interessen mit Sprache und Kultur kombiniert, etwa in Studiengängen wie International Business Studies. Im Berufsleben verbessern BWL-Absolventen dann beispielsweise die Verkaufsorganisation eines Unternehmens oder steuern in der Logistik die ein- und ausgehenden Warenströme. Auch sind sie in Tätigkeiten des Controllings, des Marketings oder des Personalwesens zu finden.
Neben Betriebswirtschaftslehre ist Volkswirtschaftslehre (VWL) ein Teilgebiet der Wirtschaftswissenschaften. VWL beschäftigt sich mit ökonomischen Prozessen von Staat, Unternehmen, privaten Haushalten und Verbrauchern unter gesamtwirtschaftlichen Aspekten.
Für alle, die das Beratungsgespräch mit dem Satz „Ich möchte im Management arbeiten“ eröffnen, hat Ute Wohlstein einschlägige Tipps parat: „Wer eine Managerposition anstrebt, sollte so früh wie möglich erste Führungserfahrungen sammeln, etwa in Vereinen oder Jugendgruppen. Personalchefs achten bei der Durchsicht der Lebensläufe verstärkt auf derartige Aktivitäten.“ Allerdings ist es nicht so, dass man nur mit einem BWL-Studium Chancen hat, im Management unterzukommen. Auch Absolventen anderer Fachrichtungen, wie etwa der Ingenieurwissenschaften, können durchaus Managementaufgaben übernehmen.
Das Vorurteil „BWL macht doch jeder, da haben Bewerber doch wenig Chancen“ kann Ute Wohlstein auch nicht bestätigen: „Die zahlreichen Einstiegsmöglichkeiten bieten vielmehr auch ein besonders breites Spektrum an möglichen Werdegängen.“ Judith Wüllerich, Arbeitsmarktexpertin der Bundesagentur für Arbeit, ergänzt: „Generell steigt der Bedarf an Akademikerinnen und Akademikern in allen Branchen. Zugleich fehlen Nachwuchskräfte infolge der demografischen Lücke. Wirtschaftswissenschaftler werden also in Zukunft in nahezu allen Bereichen gute Möglichkeiten vorfinden.“ Wirtschaftswissen und -kompetenz sind quer durch alle Branchen gefragt, etwa in der Medienbranche. So kann sich zum Beispiel ein Journalist speziell mit Wirtschaftsthemen auseinandersetzen.
Ute Wohlstein gibt jedoch zu bedenken: „Viele Interessierte verlieren sich in der Flut der Möglichkeiten.“ Auch die Zahl der Studienabbrecher liege bei den „BWLern“ sehr hoch. „Bewerber unterschätzen oft die Anforderungen, vor allem im Bereich Mathematik. Ein Muss sind auch fundierte Kenntnisse in Englisch, die teilweise schon bei Antritt des Studiums geprüft werden.“
Zu wenig bekannt: Das duale Studium
Als lohnende Alternative zum Vollzeitstudium beschreibt Ute Wohlstein das duale Studium. Dabei wird betriebliche Praxis mit dem Bachelor-Abschluss einer Berufsakademie oder Hochschule verbunden. „Leider kennen selbst viele Oberstufenschüler diese Möglichkeit noch gar nicht. Sie kommen oft zu spät zu uns, weil sie nicht wissen, dass man sich bereits ein Jahr vor Schulabschluss direkt bei den Betrieben bewerben muss.“ Hier seien die Anforderungen der Arbeitgeber an die Bewerber relativ hoch. „Erwartet wird in der Regel mindestens ein Schnitt von 2,5 im Zeugnis. Speziell die Fächer Mathe, Englisch und Deutsch sollten möglichst im 2er-Bereich liegen.“
Auch wer sich für eine rein betriebliche Ausbildung mit Wirtschaft interessiert, hat viele Wahlmöglichkeiten, etwa im kaufmännischen Bereich. „Im Trend liegen vor allem der Industrie- und der Veranstaltungskaufmann sowie der noch relativ neue Beruf Personaldienstleistungskaufmann“, berichtet die Jobexpertin. Weitere Ausbildungsberufe im Wirtschaftsbereich sind zum Beispiel in den Berufsfeldern Büro und Sekretariat, Marketing und Werbung oder Vertrieb und Verkauf zu finden. Entscheidend findet es Ute Wohlstein, herauszufinden, wo genau die persönlichen Stärken und Ziele liegen und die Studien- oder Ausbildungsplatzwahl entsprechend anzupassen.






