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Nur keine Panik!

Auf dem Foto ist eine Studentin mit kurzen dunklen Haaren, Brille und rotem Oberteil in einem Hörsaal inmitten anderer Studenten zu sehen.
2011 haben in Bayern und Niedersachsen zwei Jahrgänge Abitur gemacht. 2012 folgen Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Brandenburg und die erste Etappe in Hessen.
Foto: Reichhold

Doppelte Abiturjahrgänge

Nur keine Panik!

Lehrveranstaltungen im Kino? Prüfung in der Stadthalle? Alles denkbar, denn Unis und Fachhochschulen sind kreativ, wenn es darum geht, sich für die doppelten Abiturjahrgänge zu wappnen. Trotzdem sollten die betroffenen Abiturienten sich schon frühzeitig informieren und möglichst gute Abi-Noten mitbringen, damit es auch mit einem Platz im Wunschfach klappt.

„45 Prozent mehr Bewerber“ verkündete die Hochschule Regensburg Mitte Juli. Die Leibniz Universität Hannover rechnet mit 35 bis 45 Prozent mehr Studienanfängern und auch die übrigen Hochschulen in Bayern und Niedersachsen wappnen sich für die doppelten Abiturjahrgänge. Insgesamt rechnen Experten laut einer Studie von CHE Consult mit rund 485.000 Studienanfängern zum Wintersemester 2011/2012. So viele wie noch nie. Zum Vergleich: 2010 waren es noch 443.035. Grund für diese große Steigerung sind nicht nur die doppelten Abijahrgänge in den großen Bundesländern Bayern und Niedersachsen, sondern auch die Aussetzung der Wehrpflicht, die am 1. Juli 2011 in Kraft getreten ist.

Auch in den kommenden Jahren wird die Zahl der Studienanfänger voraussichtlich nicht stark zurückgehen, denn 2012 machen sowohl in Bremen als auch in Baden-Württemberg und Berlin jeweils die Schüler des letzten Jahrgangs mit 13-jähriger Schulzeit (G9) und die des ersten mit zwölfjähriger Schulzeit (G8) Abitur. Und 2013 ist das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen an der Reihe. Da wird es noch Mal eng an den Hochschulen. Danach soll die Zahl der Studienanfänger langsam wieder sinken und sich 2020 laut „Vorausberechnung der Schüler- und Absolventenzahlen 2005 bis 2020“ der Kultusministerkonferenz bei zirka 400.000 einpendeln. Insgesamt rechnen Bund und Länder durch die doppelten Abiturjahrgänge und die Aussetzung der Wehrpflicht mit 325.000 zusätzlichen Studienanfängern bis 2015.

Überblick: Doppelte Abiturjahrgänge in den Bundesländern

2009: Saarland

2010: Hamburg

2011: Bayern, Niedersachsen

2012: Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Brandenburg, Hessen (1. Etappe)

2013: Nordrhein-Westfalen, Hessen (2. Etappe)

2014: Hessen (3. Etappe)

2016: Schleswig-Holstein

Quelle: KMK 

Mitten in die Hochphase hinein gerät auch Nicole Ahrens. Die 18-Jährige gehört zu den doppelten Abijahrgängen in Bremen und wird nach dem Ende der zwölften Klasse im Sommer 2012 ihr Abitur haben. „Man fragt sich natürlich schon, ob die eigene Leistung reicht, bei so großer Konkurrenz“, sagt sie. Trotzdem ist sie relativ entspannt: „Ich möchte zuerst eine Ausbildung zur tiermedizinischen Fachangestellten machen und hoffe, dass ich da gute Chancen habe“. Später will sie vielleicht noch Tiermedizin studieren. „Das hat den Vorteil, dass ich dann schon viele Wartesemester angesammelt habe und so vielleicht auch bei einem weniger guten Abischnitt einen Studienplatz bekomme“, hat sie sich überlegt. Mehr Sorgen machen sich dagegen ihre Klassenkameraden, die gleich nach dem Abi ein Studium beginnen wollen. „Da wird schon um jeden Punkt gefeilscht“, hat Nicole Ahrens festgestellt.

Geld vom Hochschulpakt 2020

Entspannt zurücklehnen können sich Nicole Ahrens und ihre Mitschüler zwar nicht, aber die Politik tut ihren Teil, um möglichst vielen Abiturienten einen Studienplatz bereit zu stellen. Mit dem sogenannten Hochschulpakt 2020 haben Bund und Länder beschlossen, die Zahl der Studienplätze auszubauen. In der ersten Programmphase, die 2010 beendet war, wurden insgesamt 182.193 zusätzliche Studienanfänger aufgenommen – und das, obwohl ursprünglich nur für 91.370 zusätzliche Studienanfänger Platz geschaffen werden sollte.

Für die zweite Phase zwischen 2011 und 2015 hatten Bund und Länder ursprünglich geplant, 275.000 weitere Studienplätze zur Verfügung zu stellen. Der Bund bezahlt hierfür die Hälfte der benötigten 26.000 Euro pro Studienanfänger, der Rest kommt von den Ländern. Weiteres Geld fließt in die ostdeutschen Bundesländer, um dort die Studienkapazitäten zu erhalten. Die Aussetzung der Wehrpflicht und der dadurch erwartete größere Ansturm an die Hochschulen führten aber dazu, dass die Bundesregierung bei der Finanzierung nachjustieren musste. „Bund und Länder haben bereits im März ihre Finanzierungszusage angehoben und garantieren rund 320.000 bis 335.000 zusätzliche Studienmöglichkeiten“, sagt Benedikt Wolbeck, Pressesprecher im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Dass das trotzdem zu wenig sein könnte, befürchtet CHE Consult. Das Unternehmen hat eine eigene Studie zu der erwarteten Zahl der Studienanfänger herausgegeben und kommt zu dem Schluss, dass immer mehr Abiturienten studieren wollen und die Zahl der benötigten Studienplätze deshalb noch mal um bis zu 175.000 höher ausfallen könnte.

„Eine weitere Erhöhung der Finanzierungszusage ist derzeit nicht notwendig“, glaubt Benedikt Wolbeck vom BMBF. „Die im kommenden Wintersemester erforderlichen Studienplätze werden bundesseitig finanziert. Dies gilt auch, wenn mehr Plätze benötigt werden, als von Bund und Ländern zunächst angenommen.“

Die Hochschulen zeigen sich deshalb optimistisch: „Wir gehen davon aus, dass jeder, der hier studieren möchte, auch einen Platz bekommt“, sagt etwa Professor Dr.-Ing. Erich Barke, Präsident der Leibniz Universität Hannover. „Allerdings sollten sich die angehenden Studierenden in der Fächerwahl gegebenenfalls flexibler zeigen“, rät er. Auch Prof. Dr. Alfred Forchel, Präsident der Uni Würzburg, ist zuversichtlich: „Mehr Studierende erfordern mehr Personal und ein erweitertes Raumangebot. In beiden Bereichen wird es erhebliche Erweiterungen geben. Wir werden auch 2011 allen Studienanfängern ein hochwertiges Studienangebot machen.“

Ein Schwerpunkt des Ausbaus der Studienplätze liegt im Bereich der MINT-Fächer, also Mathe, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, da hier für die Zukunft ein großer Bedarf an Absolventen erwartet wird. Ein weiterer Schwerpunkt: der Ausbau der Plätze in den westdeutschen Ländern. Hier wird der Ansturm der Studienanfänger besonders hoch sein. Alleine Nordrhein-Westfalen verspricht bis 2015 insgesamt ein Plus von 90.000 Studienplätzen zu schaffen. Die meisten davon an Universitäten, aber auch an Fachhochschulen, an Kunst- und Musikhochschulen sowie an Privathochschulen. Auch in Bayern und Niedersachsen, den beiden Bundesländern, die dieses Jahr mit dem größten Ansturm rechnen müssen, wird gebaut und Platz für jeweils 38.000 mehr Studierende geschaffen.

Hierfür werden am Campus Garching der Technischen Universität München beispielsweise zwei neue Interimshörsäle errichtet, die insgesamt 750 Studierenden Platz bieten. Zusätzlich mietet die Hochschule über 8.000 Quadratmeter zusätzliche Nutzfläche an. Die Universität Passau hat die Aula und zwei ehemalige Lagerräume umgebaut, damit diese auch als Seminarräume genutzt werden können, die Uni Würzburg baut ein Gebäude mit drei Hörsälen und 24 Seminarräumen und die Technische Universität Braunschweig kündigt auf ihrer Webseite an, gegebenenfalls Kinosäle für Lehrveranstaltungen und die Stadthalle für große Prüfungen anzumieten.

Aber auch wenn mehr Studienplätze geschaffen werden, so heißt das nicht, dass jeder automatisch einen Platz in seinem Wunschfach bekommt. Die Hochschulen haben nämlich auch weiterhin das Recht, bei besonders gefragten Studiengängen den Zugang zu limitieren. Und mehr Konkurrenz bedeutet auch, dass es mehr Bewerber mit guten Noten gibt. Es lohnt sich also, sich um einen guten Abischnitt zu bemühen. Aber auch frühzeitige Information hilft, um notfalls auch alternative Studiengangsmöglichkeiten in petto zu haben.  „Gegebenenfalls sollte man darüber nachdenken, in einem anderen Bundesland, vielleicht sogar im Ausland, zu studieren“, rät Joachim Zak, Berufsberater der Arbeitsagentur Stuttgart. Und wer zuerst einen freiwilligen Wehrdienst, ein Freiwilliges Soziales Jahr oder einen Bundesfreiwilligendienst machen möchte, der sollte sich schon vor seinem Dienst bewerben und hat so nach dem Dienst einen Anspruch auf bevorzugte Auswahl – vorausgesetzt, er hat zuvor schon einen Studienplatz bekommen und konnte diesen wegen des Dienstes nicht antreten. 

abi>> 17.08.2011