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Freiwilliges Jahr in der Türkei

Kulturarbeit an der Ägäis

Wilde Hupkonzerte, türkische Gitarren und ein "Date" mit der Nachbarin: Tarek Hassan (18) leistet freiwillig Dienst an der Deutschen Schule in Izmir. Ermöglicht wird der grenzenlose Bildungseinsatz durch das Programm "kulturweit".

Auf dem Foto ist Tarek Hassan mit zwei Schülerinnen zu sehen. Er zeigt gerade in ein Lehrbuch.

Tarek Hassan absolviert einen Freiwilligendienst an einer deutschen Schule in Izmir.

Foto: privat

Steckbrief

Name: Tarek Hassan

Alter: 18 Jahre

Leistungskurse: Englisch, Deutsch, Französisch

Macht gerade: Freiwilliges Jahr mit „kulturweit“ im türkischen Izmir.

Voller Einsatz – dann klappt’s auch mit der Nachbarin. Tarek Hassan kann das nur bestätigen: „Gestern habe ich mich mit meiner bisher fremden Nachbarin erstmals auf Türkisch unterhalten. Dabei hat sie mich gleich zum Essen eingeladen.“ Ein schönes Erlebnis für den 18-Jährigen – schließlich hat er sich für den zwölfmonatigen Freiwilligendienst an der Deutschen Schule im türkischen Izmir auch entschieden, um Land und Leute kennen zu lernen. Aber nicht nur: „Ich wollte eine andere Sprache lernen, neue Erfahrungen machen. Und direkt nach dem Abi auch nicht gleich studieren.“ Bei seinen Online-Recherchen nach einem geeigneten Auslandsdienst ist der gebürtige Niedersachse mit ägyptischen Wurzeln schließlich auf „kulturweit“ gestoßen. Die Initiative der Deutschen UNESCO-Kommission basiert auf dem „Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ)“ im Sinne des Jugendfreiwilligendienstegesetzes und ermöglicht es 18- bis 26-Jährigen, sich in der auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik zu engagieren. Für Tarek Hassan genau das Richtige: „Ich wollte mich lieber kulturell engagieren, anstatt reine Entwicklungshilfe zu leisten.“

Freie Hand für die Schulbibliothek

Dazu hat der Abiturient nun jede Menge Zeit. Um die 40 Stunden verbringt er seit Mitte September jede Woche in der Schule, hilft den Kindern bei den Englisch-Hausaufgaben, leitet eine Theater-Arbeitsgemeinschaft und gibt Kurse in „Kreativem Schreiben“. Nebenbei baut der aufgeweckte 18-Jährige noch eine eigene Schulbibliothek auf. „Bei uns stehen sehr viele Kisten mit Bücherspenden herum. Ich bin gerade dabei, die einzelnen Exemplare thematisch zu ordnen und zu archivieren. Die Regale für die Bände stehen schon – der Hausmeister hat mir beim Aufstellen geholfen“, erzählt Tarek Hassan und schwärmt davon, wie frei er sich in eigenen Projekten wie diesem verwirklichen kann. Davon profitieren auch die 62 Kinder und Jugendlichen von der Vorschule bis zur zehnten Klasse, die an der Deutschen Schule in Izmir einen in Deutschland gültigen Schulabschluss anstreben. Von fast allen sind die Eltern deutsche Auswanderer oder Arbeitnehmer, die nun in der Türkei leben oder türkische Emigranten, die nach Jahren in Deutschland an die Ägäis zurückgekehrt sind.

Bevor Tarek Hassan sich in der drittgrößten Stadt der Türkei nützlich machen durfte, musste er zunächst das Bewerbungsverfahren von „kulturweit“ durchlaufen – beginnend mit einigen Klicks im Netz. „Am Anfang wählte ich aus, in welchen Regionen und für welche Partnerorganisationen ich gerne meinen Dienst leisten würde. Anschließend durfte ich meine Bewerbungsunterlagen, inklusive Referenzen und Motivationsschreiben, auf dem Portal von „kulturweit“ hochladen“, erläutert der 18-Jährige. Es folgte ein Bewerbungsgespräch beim Pädagogischen Austauschdienst in Bonn, dem Träger der Schule. Die Zusage kam etwa eine Woche später. Die sorgte für geteilte Reaktionen im Hause Hassan: „Meine Mutter fand das klasse – mein Vater eher weniger. Ihm wäre es lieber, wenn ich schneller Geld verdienen würde“, schmunzelt der junge Niedersachse. Und dabei ist der Freiwilligendienst von „kulturweit“ einer der wenigen, die überhaupt bezahlt werden. 150 Euro Taschengeld erhält Tarek Hassan von „kulturweit“; hinzu kommen 200 Euro, mit denen er sein privat gemietetes Appartement bezahlen muss. Für den einen oder anderen Ausflug reicht dieser Obolus gerade so. Was darüber hinaus geht, finanziert der Abiturient von seinem Ersparten. Den mehrtägigen Trip nach Istanbul zum Beispiel: „Eine faszinierende Stadt.“ Kostenlos sind hingegen das Vorbereitungs-, Zwischen- und Auswertungsseminar von „kulturweit“ sowie der fünftägige Sprachkurs vor Ort – sofern dieser 300 Euro nicht übersteigt. Auch Auslandskranken-, Haftpflicht- und Unfallversicherung sowie die Beiträge zur deutschen Sozialversicherung werden von der Organisation getragen.

Lärmende Hupen statt besinnlicher Adventszeit

Unbezahlbar sind hingegen die vielfältigen Erfahrungen, die Freiwillige im Auslandseinsatz sammeln. Diese können helfen, wichtige Entscheidungen für die Zukunft zu treffen. So auch bei Tarek Hassan: „Während vor meinem Trip ein Lehramtsstudium noch eine Option war, kann ich mir das inzwischen nicht mehr vorstellen. Ich tendiere eher Richtung Public Relations. Auch Kultur-, Theater-, Film- oder Musikwissenschaften kommen in Frage.“ Für letztere übt der Abiturient in seiner Freizeit schon mal auf der Saz, eine Art türkische Gitarre. Wenn er nicht gerade von wilden Hupkonzerten gestört wird – in Izmir keine Seltenheit. „Wer hier angehupt wird, darf das nicht persönlich nehmen. Hier wird ständig gehupt, in der Regel als Verkehrswarnung – und manchmal auch einfach nur, weil gerade eine schöne Frau am Wegesrand steht“, beschreibt Tarek Hassan einen der vielen Unterschiede zu seiner deutschen Heimat. Dazu zählt auch die fehlende Adventszeit. „Diese Stimmung vor Weihnachten vermisse ich schon sehr“, gesteht der 18-Jährige und zieht sich schwitzend seinen Pulli aus, während in Deutschland eisiger Regen über das Land peitscht.

 

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