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Nach dem Abi ins Ausland

Ich bin dann mal weg!

Nach der Schule zum Erdbeerpflücken nach Australien? Zum Kinderhüten in die USA oder als Pfadfinderleiter nach Chile? Wer einige Zeit ins Ausland möchte, hat eine Vielzahl von Möglichkeiten: von Work & Travel über unterschiedliche Freiwilligendienste und Au-pair-Programme bis hin zu Sprachkursen und Praktika. Aber welches Programm ist für wen geeignet?

Ines Lederbogen beim Unterricht

Ines Lederbogen beim Unterricht.

Foto: Privat

Das hängt von vielen Faktoren ab: „Es kommt zunächst auf die Persönlichkeit an“, sagt Dr. Nicole Schmohl, Beraterin im Team akademische Berufe der Arbeitsagentur Hannover. „Junge Menschen, die ein Anlehnungsbedürfnis haben und feste Ansprechpartner vor Ort brauchen, sind beispielsweise als Au-pair oder Sprachschüler in einer Gastfamilie oder als Freiwilliger in einer Organisation gut aufgehoben.“

Für einen solchen organisierten Freiwilligendienst hat sich Ines Lederbogen entschieden. Die 18-Jährige wollte nach dem Abitur und vor dem Studium etwas ganz anderes, Neues sehen. Da Südamerika und die spanische Sprache sie seit langem begeistern, bewarb sie sich bei „kulturweit“, dem Freiwilligendienst des Auswärtigen Amtes. Seit ein paar Wochen nun unterstützt sie die Deutschlehrerin an der technischen Schule „Obispo Colombres“ und organisiert ein Feriencamp für Deutschschüler in San Miguel de Tucumán, der Hauptstadt der kleinsten argentinischen Provinz Tucumán. „40 jugendlichen Jungs bei 30 Grad in einer Nachmittagsstunde die Uhrzeiten auf Deutsch beizubringen, ist nicht ganz einfach.“ Trotzdem fühlt sie sich wohl, von Heimweh keine Spur: „Die Menschen hier sind herzlicher und lebendiger als in Deutschland, es ist ein anderes Lebensgefühl. Dafür fehlt ein Gefühl für den Umweltschutz“, so ihre ersten Eindrücke. Mit der spanischen Konversation klappt es täglich besser, auch dank des Spanisch-Kurses, den sie vor ihrem Auslandsaufenthalt an der Volkshochschule belegt hat. „Hier lerne ich jeden Tag dazu.“

Als „kulturweit“ Freiwillige erhält Ines Lederbogen eine monatliche Unterstützung von 350 Euro: 150 Euro Taschengeld und 200 Euro für Unterkunft und Verpflegung. Untergekommen ist sie bei ihrer Mentorin, der Deutschlehrerin. Auch für den Flug hat sie einen Zuschuss erhalten. Die Versicherungen übernimmt „kulturweit“.

Freiwilligendienste, Au-pair, Sprachreisen

Das ist aber nicht immer so. Je nach Programm kann es beispielsweise sein, dass die Freiwilligen sich einen Spenderkreis aufbauen müssen, um die anfallenden Kosten zu finanzieren. Trotzdem ist es beliebt, abseits touristischer Pfade durch gemeinnützige Mitarbeit andere Länder, Menschen und Sprachen kennenzulernen: Die Anzahl der vermittelten Freiwilligen ist von 5.937 im Jahr 2004 laut einer Statistik des Arbeitskreises Lernen und Helfen in Übersee auf 9.382 im Jahr 2009 angestiegen. Allein mit „weltwärts“, einem Programm des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, sind 2010 knapp 4.300 Freiwillige ausgereist.

Diese Langzeitfreiwilligendienste dauern in der Regel zwischen drei und 24 Monaten. Sie werden vor allem in Europa sowie in Entwicklungs- und Schwellenländern in Lateinamerika, Afrika und Asien angeboten. Bei „weltwärts“ geht es in den Projekten etwa um den Schutz des brasilianischen Regenwaldes, Ackerbau in Vietnam oder Solarenergie in Burkina Faso. Im Rahmen des Europäischen Freiwilligendienstes (EFD) und des Internationalen Jugendfreiwilligendienstes (IJFD) gibt es weitere ökologische, soziale und kulturelle Projekte, in denen sich Jugendliche ehrenamtlich engagieren können. Außerdem gibt es die Möglichkeit, ein Freiwilliges Soziales oder Ökologisches Jahr im Ausland zu machen. Doch für alle Freiwilligendienste gilt: „Die Bewerberzahl ist in der Regel höher als die Zahl der Plätze“, weiß Dr. Nicole Schmohl. Die Vorlaufzeit sei relativ lang, hier sollten sich Interessierte bereits ein Jahr vorher um einen Platz bemühen. Wer nur drei bis sechs Wochen Zeit hat, kann dagegen einen sogenannten Kurzzeitfreiwilligendienst absolvieren und beispielsweise in einem Workcamp oder auf einer Farm arbeiten.

Wer keinen Platz bekommt, hat noch viele andere Möglichkeiten, seinen Traum vom Ausland zu verwirklichen. Eine ist Au-pair: Anders als bei Freiwilligendiensten sind hier vor allem die Industrieländer wie USA, England und Frankreich beliebt.

Wer seine Sprachkenntnisse verbessern will, aber nicht ganz so viel Zeit hat, hat die Wahl zwischen vielen verschiedenen Sprachreisen, kann beispielsweise Englisch in London, Bristol oder Auckland, Spanisch in Ecuador oder Französisch in Paris lernen. Gute Schulen erkennt man unter anderem daran, dass es einen schriftlichen und mündlichen Einstufungstest gibt, damit man der passenden Gruppe zugeteilt wird. Ideal ist es, wenn mindestens fünf unterschiedliche Lernstufen angeboten werden und die Kursteilnehmer aus unterschiedlichen Ländern kommen.

Work & Travel oder Wwoof?

Doch auch für Menschen, die ihre Zeit selbstständig planen wollen, gibt es passende Angebote. „Wer das Abenteuer sucht und gut alleine zurechtkommt, findet vermutlich eher beim Work & Travel, bei Praktika oder beim Jobben im Ausland die gewünschte Herausforderung“, nennt Dr. Nicole Schmohl weitere Möglichkeiten. Bei Work & Travel verbindet man Arbeitserfahrung im Ausland mit Reisen. Marilena Hinkel beispielsweise ist nach dem Abitur ein Jahr durch Neuseeland gereist, hat auf einem Gestüt gejobbt, Kiwis und Äpfel geerntet und zwischendurch immer wieder die Landschaft genossen. „Das Jahr war fast unrealistisch schön“, zieht die 20-Jährige Bilanz.
Das beliebteste Land für Work & Travel ist aber nach wie vor Australien. „Über unsere Organisation gehen jedes Jahr 1.000 bis 2.000 junge Menschen nach Australien“, bestätigt Barbara Hassels von AIFS. „Seit 2000, seit es das Work-and-Travel-Abkommen zwischen Deutschland und Australien gibt, nimmt die Zahl der jungen Traveller dauerhaft zu. Das liegt einerseits daran, dass viele Abiturienten eine Auszeit nach der Schule nehmen, internationale Freunde finden und surfen lernen wollen. Interessant ist für viele aber auch, dass sie dort beispielsweise beim ‚fruit picking‘ helfen und einen Job machen, den sie in Deutschland wohl nie kennen lernen würden. Weil das Arbeitsvisum nur einmal im Leben beantragt werden kann und viele es möglichst voll ausnutzen wollen, entscheiden sich die meisten ‚Kurzzeit-Aussteiger‘ für neun Monate down under.“

Eine Sonderform von Work & Travel ist „Wwoofen“ (World-Wide Opportunities on Organic Farms). Die Wwoofer helfen in ihrem Wunschland auf einem oder mehreren ökologischen Höfen mit, wie unsere abi>> Bloggerin Miriam in Neuseeland.

Teilweise lässt sich das Angenehme auch mit dem Nützlichen verbinden. Beispielsweise kann ein für den Studiengang gefordertes Vorpraktikum auch im Ausland absolviert werden. Jobs oder Praktika im Ausland lassen sich entweder organisiert oder auf eigene Faust verwirklichen. Angebote gibt es beispielsweise auf der Internetseite der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV).

Rechtzeitig planen

Die Gründe, warum junge Menschen ins Ausland gehen, sind genau so vielfältig wie die Programme. Manche wollen die Sprache und Kultur eines bestimmten Landes näher kennenlernen. „Was sie vor Ort machen, ist für sie zweitranging“, sagt Robert Helm-Pleuger, Berater bei der Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V. (IJAB). „Andere wiederum wollen sich kulturell oder ökologisch engagieren, da spielt das Land eine untergeordnete Rolle.“

Verlässliche Zahlen darüber, wie viele Deutsche sich jährlich für welche Art von Programm und welches Land entscheiden, gibt es nicht. Das Eurodesk-Netzwerk Deutschland, ein Projekt der Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V., veröffentlichte aber in seiner Beratungsstatistik 2010, welche Zielregionen bei den Beratungsfachkräften wie häufig angefragt wurden. Demnach wollen 45 Prozent der Jugendlichen einen Auslandsaufenthalt in Europa verbringen, 16 Prozent würden gerne in die USA und neun Prozent nach Mittel- oder Südamerika. Der Rest verteilt sich auf Ozeanien, Asien, Afrika, Nordamerika (z.B. Kanada, Mexico) und Osteuropa.

„In Deutschland gibt es keine Institution, die die Koordination aller Angebote übernimmt, jedoch ist die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit für alle Vorhaben eine gute Anlaufstelle“, erklärt ZAV-Berater Ingo Ostermann. Die ZAV informiert und berät nicht nur über eigene Praktikanten- und Auslandsjob-Programme, wie beispielsweise Jobs als kulturelle Vertreter im deutschen Länderpavillon von Disney World in Florida (USA), sondern deckt die gesamte Palette, von A wie Au-pair bis W wie Workcamp ab. „Schließlich soll das Angebot zu den Erwartungen des Abiturienten und zu seinen Zukunftsplänen passen“, meint der Berater.

„Wichtig bei der Planung eines Auslandsaufenthalts ist der Faktor Zeit“, erklärt Dr. Nicole Schmohl. Wer nach seiner Rückkehr etwa eine Ausbildung aufnehmen möchte, muss sich rechtzeitig vor der Abreise um einen Ausbildungsplatz kümmern. Steht der Ausbildungsbeginn dann fest, hat das unter Umständen Einfluss auf die Möglichkeiten: Freiwilligendienste, Freiwillige Jahre im Ausland oder Au-pair-Aufenthalte haben nämlich eine Mindestlaufzeit, Praktika, Jobs oder Sprachaufenthalte lassen sich dagegen flexibler gestalten. Auch für ein Studium gilt: „Ein Studienplatz lässt sich zwar durchaus aus dem Ausland organisieren, wenn man aber nicht zu Pflichtterminen, wie beispielsweise einer Eignungsprüfung oder zur Immatrikulation, erscheinen kann, weil man in Australien unterwegs ist, klappt das einfach nicht.“ Ein vor der Abreise zugesagter Studienplatz für ein bestimmtes Fach an einer Hochschule bleibt in einigen Fällen aber für die Dauer des Auslandsaufenthalts erhalten. „Das gilt jedoch nur für offiziell anerkannte Freiwilligendienste wie beispielsweise FSJ, FÖJ, weltwärts und kulturweit“, betont die Berufsberaterin. Ein weiterer Punkt sind die Kosten: „Dass Sprachkurse kosten, ist klar. Aber auch bei Freiwilligendiensten oder vermittelten Praktika können Kosten anfallen. Hier sollte man sich genau beim Veranstalter beziehungsweise der Entsendeorganisation informieren“, empfiehlt Dr. Nicole Schmohl.

Zudem sind Auslandsaufenthalte auch mit Anforderungen verbunden, zum Beispiel was Sprachkenntnisse anbelangt: „Englisch sollte man auf jeden Fall beherrschen, da es in der Regel nicht nur in englischsprachigen Ländern gefordert wird, sondern auch in anderen Ländern Projektsprache sein kann“, erläutert die Berufsberaterin. Auch sollte man offen gegenüber Neuem sein und sich auf andere Kulturen einstellen wollen. Darüber hinaus gibt es Formalien zu beachten: „Man muss sich genau informieren, ob man etwa eine Aufenthalts- oder Arbeitserlaubnis braucht, und eine Auslandskrankenversicherung abschließen.“

Aber egal, warum und wohin: Wer den Gang ins Ausland wagt, wird auf jeden Fall belohnt: „Es ist ein großer Schritt in die Selbstständigkeit“, findet Dr. Nicole Schmohl. „Die interkulturellen Erfahrungen, die man dabei sammelt, sind positiv fürs Studium und werden auch von Personalern beim späteren Berufseinstieg geschätzt.“

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