Ständig verbessert
Seit elf Jahren wird das deutsche Studiensystem auf ein zweistufiges System mit den Bachelor- und Masterabschlüssen umgestellt. Mit Turbulenzen, Erfolgen und Rückschlägen. abi>> wagt den Blick zurück und stellt fest: Die Bologna-Reform ist nach wie vor auf Erfolgskurs.
Der Weg zum Bachelor: steinig oder leicht?
Foto: Neuner
Weniger Leistungsdruck, längere Regelstudienzeiten und Mobilitätsfenster, die Auslandsaufenthalte und Praktika ermöglichen und mehr Zeit für Nebenjobs: Viele Hochschulen haben nach den Studentenprotesten von vor zwei Jahren ihre Hausaufgaben gemacht und die Studiengangsverläufe angepasst. Christina Schulz (20) jedenfalls ist zufrieden. Sie studiert den Bachelor Kommunikationswissenschaften und Anglistik im dritten Semester an der Uni Greifswald. „Ich komme mit meinem Studium sehr gut zurecht, die Studienorganisation ist völlig okay“, sagt Christina Schulz. Bis zum Bachelorabschluss will sie auch ein Auslandssemester einlegen und auch sonst will sie die Freiheiten des neuen Systems voll ausschöpfen. „Ich bekomme meinen Abschluss schon nach sechs Semestern und kann mich bewerben.“ Aber auch der Gedanke, einen Master anzuschließen, reizt sie.
Breit aufstellen
Zwischen 9.342 grundständigen Studiengängen können Abiturienten inzwischen wählen. Und dazu kommen nochmals 6.493 weiterbildende Studiengänge. Tendenz steigend. Da muss die Entscheidung wohl überlegt sein. Generell gilt: Es ist besser, sich im Bachelor breit aufzustellen und erst im Master eine Spezialisierung vorzunehmen. Wer sich beispielsweise für Windenergie interessiert, kann sich mit einem Maschinenbaustudium fundierte Grundlagen verschaffen und dann im Master einen entsprechenden Schwerpunkt setzen.
Wer sich schon im Bachelor einen Schwerpunkt setzen will, der sollte bedenken, dass sich die eigenen Vorstellungen und Pläne im Laufe der Zeit noch ändern können und dass es in einen spezialisierten Studiengang unter Umständen schwer sein kann, die Hochschule zu wechseln. Es wird also deutlich: Angehende Studierende sollten Zeit in eine fundierte Entscheidung für ein Studienfach investieren.
Laut Statistischem Bundesamt immatrikulierten sich zum Wintersemester 2009/2010 über drei Viertel aller Erstsemester in einem Bachelor- oder Masterstudiengang, das sind 77 Prozent. Insgesamt sind nach Angaben der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) bereits 82 Prozent der Studiengänge auf Bachelor- und Masterabschlüsse umgestellt. „Die fehlenden 18 Prozent sind mehrheitlich Staatsexamensstudiengänge“, bestätigt Birger Hendriks, Bologna-Beauftragter der Kultusministerkonferenz (KMK). Damit gemeint sind die staatlichen Prüfungen in Humanmedizin, Zahnmedizin, Tiermedizin, Jura, Pharmazie und Lebensmittelchemie, sowie die Lehrerprüfungen etwa in Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen. „Ich denke, dass sich hier in den kommenden Jahren wahrscheinlich nicht viel ändern wird“, schätzt der Bologna-Experte Hendriks.
Keine Umstellung in Sicht
Vor allem in der Mediziner- und der Juristenausbildung wird an der staatlichen Prüfung festgehalten. Als einen kleinen Fortschritt in Sachen Bologna darf man deshalb schon den aktuellen Beschluss der Justizministerkonferenz vermelden. „Den Hochschulen steht es frei, innerhalb der Staatsexamensausbildung auch einen Bachelor- oder Masterabschluss zu verleihen“, fasst Ralf Burgdorf, Vizepräsident des Landesjustizprüfungsamtes in Sachsen-Anhalt, den Beschluss der Landesjustizministerkonferenz zusammen, deren Vorsitz das Bundesland Sachsen-Anhalt Anfang Mai 2011 inne hatte. Aber er stellt auch klar: „An unserer bewährten Ausbildung wird sich nichts ändern, das Staatsexamen bleibt weiter Voraussetzung für Studierende, die Richter, Staatsanwalt oder Rechtsanwalt werden wollen.“
Und das, obwohl die Bologna-Reform eindeutig auf Erfolgskurs ist: „In den vergangenen Jahren haben die Hochschulen viel dafür getan, die Studienbedingungen zu verbessern“, lobt Ralf Kellershohn, Kommunikationsreferent der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Ein Beispiel: Bisher konnten sich Bachelorabsolventen erst mit dem Abschlusszeugnis um einen Masterplatz bewerben. Diese Regel hatte in der Vergangenheit dazu geführt, dass die Studierenden, die zwar fertig mit dem Studium waren, aber noch kein Zeugnis vorweisen konnten, die Bewerbungsfrist für den zeitlich anschließenden Master knapp verpassten und dann ein Semester warten mussten. „Inzwischen ist es vielfach möglich, sich mit einer Bescheinigung über die vorliegenden Prüfungsergebnisse vorläufig für ein Masterstudium zu bewerben“, informiert Kommunikationsreferent Kellershohn.
Wenn es um das Thema Lernstress und Auslands- und Praxissemester geht, ist es ihm wichtig zu betonen, dass sich die Studierenden auch selbst ein wenig mehr Freiraum verschaffen können. „Die Studierenden sind motiviert, ihr Studium in der Regelstudienzeit zu schaffen. Das ist natürlich positiv, aber für ein längeres Praktikum oder einen Auslandsaufenthalt - sollten die nicht im Studienplan vorgesehen sein - kann es sich lohnen, auch ein oder zwei Urlaubssemester zu beantragen“, sagt Ralf Kellershohn.




